Leipzig – 20 Jahre danach

Als ich in den Jahren 1990 -1995 für Breuninger in der Leipziger Innenstadt auf der Suche nach einem geeigneten Standort fast jeden Stein umdrehte, stellte ich mir immer vor, dass diese alte Handelsstadt eine glänzende Zukunft haben müsste.

Bei meinem jetzigen Besuch nach 20 Jahren wurde ich nicht nur in meiner damaligen Meinung bestätigt, sondern meine Erwartungen wurden bei weitem übertroffen.

Das überschaubare und kompakte Zentrum und Herz der Stadt, innerhalb der sie umgebenden Ringstraßen, präsentiert sich heute als wunderbar renoviertes Schmuckkästchen des Historismus und Jugendstils der Gründerzeit. Dabei half natürlich, dass die Innenstadt im 2. Weltkrieg wenig zerstört wurde und die alte, prachtvolle Bausubstanz unter dem „real existierenden Sozialismus“ zwar stark gelitten hatte und buchstäblich verblasst war, aber nach der Wende Schritt für Schritt aus dem Dornröschenschlaf wach geküsst werden konnte.

Unser erster Bummel durch die Innenstadt hatte für mich – Dank meiner Leipziger Vergangenheit nach der Wende –  einerseits einen stark nostalgischen Charakter, andererseits kam ich aus dem Staunen nicht heraus, wie glanz- und geschmackvoll die alte Bausubstanz renoviert wurde. Die ehemals tiefen Wunden, die der Krieg hinterlassen hatte,  wurden mit aufwändigen Neubauten geschlossen, wobei mir die neue Bebauung am Brühl architektonisch  besonders gelungen erschien. In meiner Erinnerung standen dort aus der DDR-Zeit hässliche Plattenbauten, die inzwischen abgerissen wurden und einer modernen und ansprechenden Architektur Platz machten. Dies gilt ebenso für den historischen Marktplatz, wo dem alten Rathaus gegenüber früher die unansehnliche Messeverwaltung stand, die heute einem transparenten und fast beschwingt wirkenden Kaufhaus Breuninger Platz gemacht hat. Demgegenüber wirkt die Neubebauung am anderen Ende der Peterstraße vor dem neuen Rathaus für mich weniger gelungen und etwas  „protzig“ – aber über Geschmack lässt sich bekanntlich nicht streiten.

Der wundersame Aufschwung Leipzigs dokumentiert sich auch an der Bevölkerungsentwicklung. Nach der Wende sank die Bevölkerung auf weit unter 500.000 Einwohner. Heute wächst die Stadt kontinuierlich und hat mit 540.000 Einwohner Dresden als größte Stadt Sachsens wieder überholt.

Dem Besucher empfehle ich als erstes, sich vom 23. Stock des Cityhochhauses, ehemals Uni, heute Sitz des MDR, einen Überblick über die historische Innenstadt und die zum Teil grünen Vorstädte zu machen. Der fantastische Rundblick vermittelt nicht nur ein Gefühl  für  die angenehme Überschaubarkeit der Innenstadt, sondern auch interessante Ausblicke auf das trutzige Völkerschlachtdenkmal und die in der Ferne glitzernden Seen der gefluteten, ehemaligen Braunkohlegruben.

Der gemächliche Bummel durch die Innenstadt ist auch geprägt von den vielen, sehr lebendigen Passagen, die ein Markenzeichen von Leipzig sind. Ausgerechnet die bekannteste Passage, die Mädlerpassage mit Auerbachs Keller, verdankt ihre edle und aufwändige Renovierung dem  ehemaligen Immobilienbesitzer und  Millionenbetrüger Schneider, dessen Ehrgeiz es war, sich in Leipzig diverse bauliche Denkmäler zu setzen.

 

Beim obligatorischen Besuch der Thomaskirche kann man um die Mittagszeit dem weltberühmten Thomanerchor bei der Probe zuhören. Ansonsten macht Leipzig seiner Geschichte als Handelsstadt in der Innenstadt mit einer kaum überschaubaren Anzahl von Kaufhäusern, Läden und Märkten alle Ehre. Zu einen Spaziergang durch Leipzig gehört natürlich auch der Besuch der bekannten Kaffeehäuser, wie z.B. dem „Arabischen Coffe Baum“ oder dem „Cafe Riquet“.

Auf dem weitläufigen Augustusplatz, der von der Oper, dem Gewandhaus und der wunderbaren, modernen Aula der Universität bestimmt wird, erlebten wir eine Demonstration, die wir zunächst automatisch Legida zuordneten. Sie stellte sich aber als Demo der satirischen PARTEI  heraus, die mit dem Schlachtruf „Bier trinkt das Volk“ dafür  demonstrierte, dass jedem Deutschen sein Bier zustünde. Was für ein sympathischer Gegensatz zu den ausländerfeindlichen Demos in Dresden! Interessant ist es in diesem Zusammenhang, dass gerade mal 6 % der Einwohner Leipzigs Ausländer sind.

 

Unbedingt empfehlenswert ist auch der Besuch des neuen Museums der Bildenden Künste (MdBK) am Brühl. Das moderne Gebäude ist mit seinen Innenhöfen, überraschenden Übergängen und hohen Decken architektonisch sehr interessant gestaltet. Es beherbergt u.a. die Kunst der DDR nach 1945 und die inzwischen berühmte Leipziger Schule um Neo Rauch. Die Sonderausstellung Paul Klee, „Sonderklasse Unverkäuflich“, die noch bis 25. Mai 2015 dauert, war natürlich ein Glücksfall und ein Highlight unseres Besuchs.

Eine weitere große Überraschung war für mich die Entwicklung der Leipziger Vorstädte, die ich um 1990 als trostlose und teilweise verlassene „Ruinenstädte“ in Erinnerung hatte. Exemplarisch hierfür ist die Entwicklung von Plagwitz, einem ehemaligen Industrieviertel, das im Krieg sehr gelitten hatte. Auch hier wurden viele der früher verrotteten Gebäude und Gründerzeitvillen liebevoll restauriert und es entstanden in den spektakulären Industriegebäuden Büros, Wohnungen, Ateliers etc. Die ehemals größte Baumwollspinnerei Deutschlands wurde nach 1990 still gelegt und entwickelte sich in den letzten 10 Jahren zu einer inzwischen überregional bekannte „Kunststadt“. In die leeren Hallen zogen nach und nach Künstler, Galerien, Designer, Ladenlokale, Kleinbühnen, Gastronomie etc. ein, unter ihnen die  international bekannte Galerie Eigen + Art. Diese kreative Melange  von Kunst und Kommerz in altem Gemäuer ist heute eine der großen Attraktionen von Leipzig und fast schon eine Reise wert.

Dem Besucher von Leipzig empfehle ich unbedingt eine Stadtrundfahrt per Bus, die in die Außenbezirke führt und dort ein jederzeitiges Aus- und Einsteigen erlaubt. Unsere Route führte vom Hauptbahnhof vorbei am Zoo zum schönen Gohliser Schlösschen und zum Schillerhaus. Von dort ging es weiter in das oben erwähnte ehemalige Industrieviertel Plagwitz, zum Gelände des MDR und Panometer und zu einem Zwischenhalt am Völkerschlachtdenkmal. Die Rundfahrt führte dann am Literaturarchiv und bayrischen Bahnhof vorbei zum Augustuspatz und endete am eindrucksvollen Leipziger Hauptbahnhof, einem der größten Kopfbahnhöfe Deutschlands, der ebenfalls einen Besuch wert ist.

Unbedingt erwähnenswert ist noch, dass Leipzig zu den preiswerten Großstädten gehört, sowohl was die Hotels, als auch die Restaurants betrifft.

Da unser zweitägiger Besuch von kaltem, windigem Wetter begleitet war, konnten wir den sommerlichen Charme der Stadt, mit seinen unzähligen Restaurants, Kneipen, Cafes, Ateliers und Läden leider nur erahnen.

Ein Grund mehr, in einer wärmeren Jahreszeit wieder zu kommen, um dieser wunderschönen und kulturell hoch interessanten Stadt die gebührende Referenz zu erweisen!

 

Klaus Weidner                                   April 2015

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Leipzig – 20 Jahre danach
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Leipzig – 20 Jahre danach
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In diesem Reisebericht über eine Städtereise von Leipzig erzähle ich meine Erfahrungen wie sich die Stadt nach über 20 Jahren verändert hat.
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2 Kommentare zu “Leipzig – 20 Jahre danach

  1. Karl Weidner

    Hallo, Klaus , gut und unterhaltend wie immer. Damit überbrücke ich an trüben Tagen immer meine Depressionen. Mach weiter so!

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