Auf der Suche nach dem ursprünglichen Afrika

Ein Reisebericht zu einer 6 tägige Safari in das Okawangodelta in Botswana

 

zärtliche Familienidylle

1. Vorbemerkungen zu Botswana und zur Reise

Botswana ist flächenmäßig grösser als Frankreich, liegt nördlich von Südafrika, zwischen Namibia und Zimbabwe und grenzt im Norden an Angola und Zambia. Das Land hat ca. 1,7 Mio Einwohner, ist seit über 40 Jahren selbständig und stolz auf eine funktionierende Demokratie. Ein Großteil der weitgehend schwarzen Bevölkerung ist christlich / katholisch. Haupteinnahmequellen sind Diamanten und der Tourismus. In der Hauptstadt Gaborone leben ca. 300.000 Menschen.

Das Okawangodelta zählt zu den Naturwundern dieser Erde: riesige Wassermassen aus dem Norden, speziell aus Angola, strömen im Herbst landeinwärts in das Delta, setzen weite Teile des ansonsten sehr trockenen Landes zeitweilig unter Wasser, um dann im Sommer in der Savanne Botswanas wieder zu versickern. Durch dieses Naturphänomen entsteht eine weltweit unvergleichliche Wasserlandschaft, die einer Vielzahl von Tieren Nahrung und Lebensraum bietet und zu jeder Jahreszeit unterschiedliche Erlebnisse verspricht.

Mein Freund Lothar, der in Stellenbosch in Südafrika lebt, überzeugte mich, dass wir dieses Naturwunder „Okawangodelta“ unbedingt besuchen müssen. Wir entschieden uns zu einer 6 tägigen Flugsafari mit „Wilderness Safaris“, einem 1983 gegründeten Reiseunternehmen, das sich einem verantwortungsbewussten Ökotourismus verschrieben hat. In diesen 6 Tagen besuchten wir zwei sehr unterschiedliche Camps, das Wassercamp Xigera und das weltberühmte Mombocamp, um von dort aus die Natur und Tierwelt hautnah kennenzulernen. Im folgenden Bericht gehe ich auf unsere Erlebnisse und außergewöhnlichen Erfahrungen in beiden Camps ein.

2. Im Wassercamp Xigera

Lothar und ich haben unsere Safari durch Botswana von Kapstadt aus Mitte April begonnen und konnten damit auf eine wasserreiche Zeit, üppige Vegetation und grossen Tierreichtum hoffen.

Der erste Tag begann um 4 Uhr morgens, um 6.00 Uhr ging der Flug nach Johannesburg. Von dort aus fliegen wir in einem zweistündigen Flug weiter mit der Air Botswana nach Maun, einem kleinen Provinzflughafen am Rande des Okawangodeltas. In Maun beginnt das Abenteuer. Wir werden von einer „Crew Wilderness“ empfangen, ein junger Pilot führt uns zu einer alten 6 sitzigen Maschine und schon geht es los. Da die kleine Maschine nieder fliegt, bekommen wir einen ersten Eindruck von Botswana: zunächst trocken und wüstenartig, dann wird es langsam grün, dann taucht das erste Wasser auf, dann versinkt das Land langsam im Wasser, dann taucht vor uns eine Lehmpiste auf und schon sind wir gelandet – eine riesige Staubwolke hinter uns her ziehend. Wir werden von sehr freundlichen schwarzen Rangern begrüsst und im offenen Landrover abgeholt. Die kurze Fahrt über Stock und Stein und überflutete Wege führt uns in unser erstes Camp, Xigera, ein s.g. Wassercamp mitten im Delta, das momentan nur über den Luftweg erreichbar ist.

Im Camp werden wir vom südafrikanischen Chef des Camps begrüsst und in die Eigenheiten des Camps eingeführt. Wir erfahren, dass das Delta momentan so viel Wasser führt, wie seit 20 Jahren nicht mehr und die Grosstiere deshalb über grosse Strecken verstreut und somit nicht leicht zu finden sein werden. Die aufkommende Enttäuschung erstickt er im Keim, als er uns ankündigt, dass wir stattdessen ein anderes „peaceful Africa“ vom Wasser aus erleben würden, das uns zwar keine grossen Sensationen, aber dafür Seelenbalsam bringen würde.

Im übrigen, beruhigt er uns, würden wir genügend Tiere zu sehen bekommen.

Das Camp liegt in totaler Wildnis, die Unterkünfte, Wege und sonstigen Einrichtungen sind auf ca. 2 m hohen Holzstegen aufgebaut, die einen schönen Überblick und gleichzeitig auch Sicherheit gegen die im Camp sich frei bewegenden Tiere bieten sollen. Wir werden angewiesen, nachts unsere Unterkünfte keineswegs zu verlassen, andernfalls seien wir auf „on the menue“ diverser Grosskatzen.

Die Unterkünfte sind originelle und geräumige „Zelte“ – d.h. festgebaute, transparente, zeltförmige Hütten aus Holz und durchsichtigem Stoff, sehr gemütlich und total luftig, da tagsüber der Stoff durch dünne Moskitonetze ersetz ist, so dass die Gäste die Wildnis hautnah spüren und hören. Ich erreiche mein Zelt Nr. 2 inmitten einer Baum- und Buschlandschaft über einen Holzsteg, der Sicherheit und Abenteuer in einem verspricht.

Die Siesta endet um 15.00 Uhr, der Nachmittag beginnt mit Tee und köstlichem Naschwerk und einer Einstimmung durch unsere beiden Guides, Captain und Caltex. Jeder sucht sich sein Mokoro aus, ein schmales Kunststoffkanu, und dann geht es los. Jeder sitzt in seinem Mokoro und hat den Antrieb hinter sich, ich in Person des netten „Captain“, der mich mit einem gabelähnlichen Holzstab geschickt und schnell durchs Wasser bewegt.

Es folgen über 2 Stunden nahezu ereignislosen Gleitens durch kleine Flüsse, Seen, Tümpel, grünen Farnwald – und trotzdem eine spannende „Wasserwüste“. Die Stille, Gerüche und Farben Afrikas fangen uns ein – alle denkbaren Blau- und Grüntöne, unglaubliche Spiegelungen, eine ruhig vorbeiziehende Landschaft, dramatische Akzente durch die Skelette abgestorbener Bäume, die durch Elefanten entwurzelt wurden, Termitenhügel, so gross und vielfältig wie Gaudipaläste…. Langsam gewöhnen sich unsere Sinne an die Natur – wir riechen wunderbare Kräuterdüfte, hören Vogelgeschrei und das entfernte Schnauben von Elefanten und Hippos. Wir sitzen in unseren labilen, schwankenden Booten, ein bisschen ängstlich zunächst, erfreuen wir uns an vielen Details dieser Wasserlandschaft und finden tatsächlich den „Frieden Afrikas“. Ein Fischadler, ein Seeotter, ein paar bunte Vögel sind die tierische Ausbeute – aber uns fehlt komischerweise nichts. Hektik und Stress liegen hinter uns, wir geniessen den tollen Beginn unsere Reise – ereignislos und doch spannend.

Am Abend überrascht uns die weibliche Küchenbrigade mit afrikanischem Tanz und Gesang, als Einstimmung und Einladung zum Essen im Gral. Wir sitzen unter freiem Himmel an einer durch Fackeln beleuchteten Tafel und erfreuen uns an afrikanischen Köstlichkeiten, die von der Köchin wortreich erläutert werden. Die 12 Gäste kommen aus England und Canada, ergänzt durch uns und die einheimischen schwarzen Guides, sowie den weissen Chef des Camps, nebst Frau, die für die Organisation und Küche verantwortlich ist. Das Kreuz des Südens und ein unendlich klarer Sternenhimmel über uns sind Ersatz für die auf Zeit gekappte Verbindung nach aussen – kein Telefon, Radio, Fernsehen, keine Zeitung lenken uns von der Schönheit Afrikas und unseren Gedanken ab. Die Nacht im Zelt ist vom eintönigen „Lärm“ der Grillen begleitet, gegen Morgen pfeift ein kühler Wind durch die feinen Moskitonetze.

Der 2. Tag beginnt mit dem Wecken um 6.00 Uhr und einem atemberaubenden Farbenspiel am morgendlichen Himmel. Zwei kämpfende Impalas und eine Affenbande, die aus dem Wald ins Camp wechselt, sind ein Vorgeschmack auf den Tag.

Heute steht zunächst ein Ausflug mit dem Landrover auf der weitgehend trockenen Nachbarinsel auf dem Programm. Per Boot werden wir zum Landrover gebracht, unser Fahrer Sam fährt uns gekonnt offroad über Stunden durch den dichten afrikanischen Busch, auf der Suche nach Elefanten. Der vielbeschriebene afrikanische Busch wird uns an diesem Morgen eindrucksvoll Gestalt: hüfthohes Gras, vermischt mit dichtem Buschwerk und kleineren Bäumen, verfilzten grünen Schlingpflanzen und binsenartigen im Wind wehenden Wasserpflanzen ergeben ein nur mit einem robusten Vierradvehikel zu durchdringendes Gemisch und ein ideales Versteck für die kleineren Tiere. Folgerichtig sind ein paar Impalas, ein Storchenpaar und eine einsame Giraffe vorerst die einzige Ausbeute.

Wir lernen, dass die kleinen Vögel auf der Giraffe nicht nur das quälende Ungeziffer fressen, sondern auch ihren Wirt voll Dankbarkeit durch lautes Pfeifen vor einer nahenden Gefahr warnen.

Und dann plötzlich eine grosse Elefantenherde! Sie nähert sich uns unaufgeregt, während wir jederzeit zur Flucht bereit sind. Sam erzählt, dass einzelne Elefanten immer wieder versuchen, die Landrover anzugreifen – afrikanische Elefanten sind unberechenbarer, als ihre asiatischen Vettern und im Gegensatz zu diesen auch nicht zu zähmen oder zu trainieren. Elefanten fressen 300 kg Grünzeug pro Tag und werden bis zu 70 Jahre alt. Da die Elefanten im Alter die Zähne verlieren, verhungern sie langsam und sterben einsam ausserhalb der Herde.

Leider hinterlassen diese Riesen eine Spur der Verwüstung, da sie unentwegt Bäume entwurzeln, um an die gut schmeckenden Wurzeln zu kommen oder auch aus reinem Übermut.

Beim Kaffebreak im Busch erfahren wir einiges über Sam, seine 6 Kinder, als spätere Garanten für seine Altersversorgung, über seinen autodidaktischen eigenen Lebensweg, die sich verändernde afrikanische Gesellschaft mit schwindender natürlicher Überlebenskunst und den „westlichen“ Ansprüchen der jungen Generation. Sam ist 42 Jahre alt, wirkt aber wesentlich jünger und hat ehrgeizige Ziele in Richtung seiner eigenen Selbständigkeit.

Nach Mittagessen und einer ausgedehnten Siesta geht es mit dem Motorboot auf „Hippojagd“– wiederum mit Sam. Wir verbringen einen weiteren geruhsamen Nachmittag auf dem Wasser, diesmal in einem Leichtmetallmotorboot, das uns in die Lagunen bringt, in denen die Hippos hausen. Wir sehen und hören sie, aber sie sind äusserst scheu und lassen uns nicht näher an sich ran als 50 Meter. Schade, nach den Elefanten heute morgen hätten wir gerne auch den Hippos in die Kinderstube geschaut. Im Nachhinein hörten wir, dass eine andere Gästegruppe von Hippos angegriffen wurde und sogar ein Boot zu kentern drohte – ein ungemütlicher Gedanke, zumal sich in den Lagunen auch Krokodile herumtreiben.

Über Wasserlandschaften, die mit dem Tageslicht wechselnden Stimmungen und Farben und die beredte Stille ist genug gesagt. Wir freuen uns auf das beginnende Farbenspiel des Sonnenuntergangs und werden nicht enttäuscht. Der Sunset selbst ist nicht sehr spektakulär, aber die nachfolgende Verfärbung des Himmels, der Wolken und des Wassers hat dramatische Akzente – dies ist die Kulisse für tränenreiche, herzzerreißende Abschiede a la Casablanca. Mit den letzten Lichtstrahlen und inmitten unzähliger Moskitoschwärmen erreichen wir das Camp – seltsam zufrieden und erholt.

Am 3. und letzten Tag in Xigera taucht eine glutrote Sonne See und Landschaft in ein warmes Licht und verspricht „a great day“. Wir geniessen nochmals das morgentliche Affenspektakel, wenn ca. 50 Baboos über einen Steg vom Wald ins Camp wechseln und uns dabei ihre akrobatischen und erotischen Kunststücke vorführen. Wir haben uns entschlossen, nochmals eine Kanufahrt zu unternehmen. Wir werden sofort belohnt, durch die Entdeckung einer kleinen, süssen Eule, die uns mit grossen Augen betrachtet. Anschliessend gleiten wir lautlos durch den Morgen, durch Flussarme, Lagunen und zeitweilige , mit Schilf bedeckte Wasserrinnen. Zunächst scheuchen wir nur bunte Vögel auf, aber dann entdeckt Captain eine Elefantenherde mit Babys, die am Ufer grast. Sie zieht gemächlich weiter, als wir uns nähern, wir hören sie noch eine Zeit lang vom Wasser aus. Beim 10 Uhr Tee an Land gibt es eine weitere Lektion „Elefantenkunde“. Wir lernen, dass die riesigen Tiere schlechte Fressensverwerter sind, sie nutzen nur 50 % ihrer Nahrung , der Rest wird in riesigen Haufen unverdaut ausgeschieden und birgt Köstlichkeiten für eine Vielzahl anderer Tiere. Im Gegensatz dazu verwerten z.B. Giraffen ihre Nahrung nahezu zu 100 %, entsprechend winzig ist deren output.

Noch ein Wort zum Thema Malaria: „spray and pray“ sagt uns der Chef und grinst. Er beruhigt uns aber, indem er uns sagt, dass im Camp seit längerem keine Malariafälle mehr vorgekommen seien und deshalb auch keine an Nebenwirkungen reiche Prophylaxe empfohlen würde, zumal es im Ernstfall hervorragende Medikamente für die Behandlung danach gäbe.

Fazit unseres ersten Reiseteils: Wenn man viele Tiere sehen will, ist September / Oktober die beste Zeit, wenn das Delta weitgehend ausgetrocknet ist. Wir hatten ein angenehmes Klima und viel Wasser, was uns eine aussergewöhnlich vielfältige und intakte Wasserlandschaft bescherte. Für uns war der Aufenthalt ein intensives und vielfältiges Naturerlebnis, ein Stück unverfälschtes Afrika – exklusiv und erholsam, genau der richtige Einstieg.

3. Im Mombocamp

Ein kurzer Flug bringt uns in das berühmte Mombocamp, wo wir die nächsten 3 Tage und Nächte verbringen werden.

Es beginnt mit der Sensation, dass die uns abholenden Rangers aufgeregt erzählen, sie hätten gerade eben, neben der Startbahn, einen Leoparden entdeckt. Für die nächsten 1,5 Stunden ist Geduld angesagt, bis sich die bildschöne Katze langsam auf die Jagd vorbereitet. Sie ist zunächst völlig unsichtbar im kniehohen Gras verschwunden – ein perfekter Tarnungskünstler.

Unsere Geduld wird mit phantastischen Bilder eines eleganten Jägers belohnt, der sich vorsichtig, lautlos und geschmeidig seiner Beute nähert. Den finalen Schlussakt erleben wir leider nicht live, da er sich wohl im hohen Buschwerk abspielt. Ein männlicher Leopard wiegt über 100 kg, ein weiblicher bis zu 70 kg. Sie sind inzwischen äusserst selten, da die Löwen ihren Lebensraum immer stärker einschränken.

Am restlichen späten Nachmittag bekommen wir einen ersten Eindruck der wildreichen Savanne dieses Ressorts: Elefanten, Giraffen, Kudus, Impalas, Zebras kreuzen unseren Weg. Drohende Regenwolken ergeben wunderbare Photomotive für einen weiteren spektakulären Sonnenuntergang.

Alex, ein 1,98 m grosser, gut aussehender schwarzer Guide, bringt uns bei Dunkelheit ins Camp, wo wir erneut freundlichst begrüsst und in ein äusserst luxuriöses Zelt geführt werden. Das Zelt hat die Ausmaße eines kleinen Ballsaales und ist sehr geschmackvoll eingerichtet. Schlaf- und Aufenthaltsraum bieten eine tolle Aussicht in die grüne Savannenlandschaft, Innen- und Aussendusche, grosse Balkons und eine komfortable Aussenliege für ausgedehnte Siestas sind für eine Einzelperson völlig überdimensioniert – wo sind die Gespielinnen?

Ein stimmungsvolles Abendessen bei Kerzenschein und afrikanischen Gesängen und Tänzen beschliesst einen weiteren unvergesslichen Tag. Leider gestaltet sich die Nacht sehr unruhig. Unter meinem Luxuszelt haben es sich 3 Wasserbüffel gemütlich gemacht, die keineswegs an Schlaf denken. Sie grunzen, fressen, rülpsen und scheissen in einem fort – kurz sie benehmen sich äusserst rüpelhaft.

Der 4. Tag beginnt um 5.30 Uhr, um 6.00 Uhr gibt es Frühstück, um 6.45 Uhr, rechtzeitig zum Sonnenaufgang, beginnt die 4 stündige Safari im grossen, offenen Landrover, in dem 9 Personen Platz finden.

Wir starten zusammen mit 4 Rechtsanwälten aus den USA in einen sehr tierreichen Vormittag. In der weitläufigen und von einer schönen Morgensonne beleuchteten Savanne treffen wir auf Büffelherden, Elefanten Löwen, Giraffen , Hippos, Kudus, Impalas, Schakale und die trolligen Warzenschweine, die aufgrund ihres kurzen Halses zum Fressen hinknieen müssen. Alles wirkt friedlich, offenbar sind die Raubtiere satt, so ähnlich muss es im Paradies ausgesehen haben – vor dem Sündenfall. Je weiter wir in den Süden kommen, desto mehr verändert sich die Landschaft in feuchtes Buschwerk, das einer Vielzahl farbenprächtiger Vögel Schutz und Nahrung bietet. Ein weiterer Höhepunkt ist dann ein riesiger Baobab-Baum, der bis zu 8000 Jahre alt sein soll und mir aus der Schulzeit aus dem „Kleinen Prinzen“ von St. Exypery in Erinnerung ist.

Um 11.00 Uhr sind wir zum ausgedehnten Brunch zurück im Camp und gehen anschliessend auf Erkundungstour im relativ weitläufigen Camp. Hierbei stossen wir auf „Little Mombo“, ein kleines Nachbardorf, das sich für Grossfamilien und geschlossene Gesellschaften eignet, die unter sich Feste feiern wollen. Auf dem Rückweg folgen wir dem Schild „Store“ und finden einen kleinen Souvenirladen, der offen, aber verlassen scheint. Arglos treten wir ein und erfreuen uns an phantastischen Tier- und Landschaftsphotos aus dem Okawangodelta, auf die ich später noch zurückkomme.

Unwissentlich haben wir Ella einen gehörigen Schrecken eingejagt, die aushilfsweise den Laden bewachen sollte und plötzlich die Stimmen von Einbrechern hört. Auf diese Weise machen wir nicht nur die Bekanntschaft mit einer sehr schönen und charmanten Frau, sondern wir treffen auf die für uns zuständige Eventmanagerin.

Wir fragen uns unwillkürlich, was eine so attraktive Person in den Busch verschlägt und haben im Verlauf der folgenden 2 Tage Gelegenheit, neugierig wie wir sind, das eine oder andere Geheimnis zu lüften, was Menschen dazu bringt, der Zivilisation zu entfliehen und sich freiwillig in diese einsame Wildnis zurückzuziehen.

Die ausgedehnte Siesta bis 16.00 Uhr kommt mir sehr entgegen, da ich mein büffelbedingtes Schlafdefizit ein bisschen ausgleichen kann – obwohl es mir nicht gelingt, völlig entspannt auf der Aussenliege den Geräuschen der Wildnis zu lauschen.

Ab 16.00 Uhr beginnt der 2.Teil des täglichen Pflichtprogramms. Zwischenzeitlich hat die Besatzung im Landrover gewechselt, wir sind wiederum mit Amerikanern zusammen, allerdings leider mit 2 ziemlich dicken und relativ ängstlichen Amerikanerinnen. Auf der Suche nach Leopardenbabies treffen wir auf einen einsamen, männlichen Elefanten, der sich malerisch und photogerecht für uns in den nahen Tümpel begab und mit grossem Genuss das frische Seegras erntete.

Unser Rancher Alex war mit seinem geschickten Einkreisen des jungen Leoparden schliesslich erfolgreich – wir fanden ihn, aber er war im Gegensatz zur Mutter gestern sehr scheu und versteckte sich sofort wieder im Dickicht. Zum Trost begegneten wir einem Serval, einer kleineren „Leopardenausgabe“, der sehr scheu ist und uns entsprechend auch nur für Sekunden einen Blick auf sich gönnte. Ein gelangweilt wirkender, offenbar satter alter Löwe lässt lustlos und schläfrig eine Giraffe in kürzester Entfernung passieren, die ihn bemerkt, aber ungerührt ihren Weg fortsetzt. Stilvoll mit Gin Tonic geniessen wir das abendliche Farbenspiel am Himmel, jedes Mal eine andere Inszenierung, dieses Mal an einem See mit vielen Vögeln, die lautstark ihr Nachtquartier suchen.

Am Abend wird unter dem Kreuz des Südens erneut einer kleinen, internationalen Gesellschaft ein köstliches Dinner serviert. Am Nachbartisch erfreut sich eine attraktive Runde um ein filmendes Forscherpaar, das Besuch seiner Agenten aus Los Angeles hat, besonderer Aufmerksamkeit. Wir haben das Vergnügen mit Koki zu essen, einer 23 jährigen jungen Frau aus Botswana. Sie stammt aus der Oberschicht und überbrückt mit ihrer Arbeit im Camp die Zeit, bis sie ein Stipendium nach Australien erhält. Sie ist erstaunlich gebildet, selbstbewusst und unkompliziert offen. Wir nennen sie Sunny, weil , wenn sie lacht, die Sonne aufgeht. Sie verbrachte einen Teil der Schulzeit mit ihrer Mutter in Canada, die dort als Soziologieprofessorin in Toronto lehrte. Ihr leiblicher Vater ist Politiker, ihr Stiefvater Vicepräsident der Bank von Botswana. Auf die Frage von Lothar, ob sie sich auch einen weissen Ehemann vorstellen könnte, lachte sie und sagte, ihr Stiefvater sei weiss und ihre Geschwister seien Zebras. Sie versprach uns, uns morgen mehr über Land und Leute in Botswana zu erzählen. Wir hörten ihr voller Bewunderung zu, vielleicht sassen wir neben der zukünftigen Tourismusministerin Botswanas?

Am nächtlichen Feuer, unter dem afrikanischen Sternenhimmel, untermalt von der Geräuschkulisse der Wildnis, kommen sich fremde Menschen näher, sie öffnen sich, erzählen ihre Geschichten – im Bewusstsein, dass man sich morgen wieder in alle Welt zerstreut und wohl nicht wiedersieht.

Es ist eine interessante Melange an Menschen, die sich hier treffen, die für kurze Zeit aus dem gewohnten Trott aussteigen und teilweise immer wieder kommen.

Wir treffen Marcel, den CEO einer kanadischen Ölfirma, der mit Frau und 2 Kindern für 14 Tage unerreichbar abgetaucht ist und die auf Zeit wiedergewonnene Freiheit sichtbar geniesst. Wir amüsieren uns über die beiden amerikanischen Anwaltpaare, die die Erlebnisse und Begegnungen mit lauter und nahezu naiver Begeisterung feiern. Wir diskutieren die Einführung des Euros mit einem älteren, sehr vornehmen und spürbar aus einer anderen Zeit stammenden englischen Paar, er in Krawatte und Blazer, sie voller Erinnerungen an das glorreiche England: „wir hätten niemals das Commenwealth aufgeben dürfen“. Einen Topmanager aus London, der in den letzten 20 Jahren kein Weltmeisterschaftsendspiel im Fussball versäumt hat, treffen wir mit seiner Familie gleich in 2 Camps, mit einem pensionierten Amerikaner diskutieren wir, wer der nächste Präsident wird, dabei gesteht er uns, dass er eigentlich lieber Golf spielen würde, als seiner Frau zuliebe durch die Wildnis zu tingeln. Eine elegante und etwas verblühte Schönheit aus LA erzählt uns nostalgisch von ihrer Zeit vor 40 Jahren in Crailsheim und dass sie schon zum 3. Mal mit ihren Freundinnen in Botswana ist…

Interessanter wäre es, die Motive der längerfristig hier arbeitenden, meist weissen, Führungskräfte, Rangers etc. für ihren Rückzug in die „splended isolation“ der Einsamkeit der Wildnis zu erfahren. Neben der Liebe zur Natur spielen hier sicher auch private Schicksale eine Rolle. In einigen Fällen enthüllen sich die Motive am abendlichen Lagerfeuer oder bei den stundenlangen Ausfahrten:

Da ist die Geschichte eines ehemaligen umschwärmten Rugbyprofis, den eine Verletzung stoppte und der hier einen neuen Anfang fand oder Richard, unser Guide für die beiden letzten Tage, der sich als bekannter Tierphotograph outete ( die Postkarten im Store waren von ihm), der davon aber leider seine Familie nicht ernähren kann. Wir treffen auf das schon erwähnte Forscherpaar, das für jeweils 18 Monate für „National Geography“ an einem Film über Leoparden oder Rhinos arbeitet, unter offenbar primitiven Verhältnissen campiert und die zeitweilige Chance, in unser luxuriöses Camp eingeladen zu sein, sichtlich geniesst – vor allem die hübsche Frau schwärmt von der ersten ordentlichen Dusche seit Wochen. Auch von Elmari, unserer Eventmanagerin, die wir beim „Einbruch“ in den Store erschreckten, erfahren wir Erstaunliches. Nachdem ihr innerhalb von 3 Jahren zwei nahestehende Männer tödlich verunglückten, besuchte sie eines Tages ihre im Camp arbeitende Tochter und blieb einfach hängen. Sie wirkte sehr engagiert und scheint ihren Frieden gefunden zu haben, gab aber immerhin zu, dass sie nach einigen Wochen den einheitlichen Safarilook an sich kaum noch ertragen könne.

Wir erfuhren auch, dass das Personal jeweils 3 Monate durcharbeitet und dann einen Monat frei hat. Insofern verpassen sie unsere täglichen, zivilisatorischen Aufgeregtheiten, aber wird man da nicht auf Dauer bindungs- und beziehungslos?

Nachdenklich gehe ich zu später Stunde in mein Zelt und stelle erleichtert fest, dass die Büffel sich für diese Nacht einen anderen Unterschlupf gesucht haben. Statt dessen wache ich gegen 3 Uhr früh von einem merkwürdigen Geräusch auf. Als ich mit der Stableuchte durch das Moskittogitter leuchte, sehe ich mich Auge in Auge mit einem Elefanten, der seelenruhig vor meinem Zelt grast. Ich erinnere mich kurz an den Satz eines Führers: „wenn die Elefanten auch nur die geringste Ahnung davon hätten, wie schwach wir tatsächlich sind, würden sie hier alles niedertrampeln“, bevor ich versuche, noch ein bisschen Schlaf zu finden.

Der vorletzte 5. Tag beginnt erneut in aller Frühe. Um 6.30 Uhr sitzen wir im Auto mit drei Amerikanern aus Boston. Da der Landrover bis zu 9 Gäste fasst, ist diese Ausfahrt sehr komfortabel. Wir machen uns auf die Suche nach den Rhinos, die uns zu den „Big Five“ noch fehlen. Im Morgenlicht gelingen phantastische Bilder von Zebra- und Impalaherden, wir beobachten 4 Löwen auf der Jagd, die offenbar noch hungrig sind, und kommen ihnen dabei so nahe, dass unsere dicken amerikanischen Mitfahrerinnen die Angst packt und sie sich mit Insektenspray gegen einen eventuellen Löwenangriff wappnen – heile, naive Welt Amerika! Wir trinken Kaffee bei den Hippos, begegnen einer Vielzahl von Tieren – aber leider keinen Rhinos. Wir werden entschädigt durch einen überraschenden Lunch mitten in der Wildnis, eine vom Serviceteam liebevoll aufgebaute Tafel voller Köstlichkeiten mit einem Termitenhügel als stilvoller Bar. Im Gespräch mit unseren amerikanischen Mitfahrern erfahren wir immerhin, dass sie (im Busch) gegen Bush sind, was sie fast wieder sympathisch macht.

Am späten Nachmittag gehen nur Lothar und ich exklusiv mit Richard, einem erfahrenen, weissen Guide auf Tour. Leider misslingt der Auftrag, Rhinos zu finden, erneut. Statt dessen erleben wir nochmals den paradiesischen Wildreichtum der Gegend und beobachten einen riesigen alten Löwen, wie er sich bei anbrechender Dunkelheit aufstellt, zunächst machtvoll grollt und dann seinen Gebietsanspruch so laut hinausbrüllt, dass uns in ca.10 m Entfernung das Blut in den Adern friert. Auf dem Heimweg überfahren wir fast eine Python, die sich trotz ihrer Grösse und Länge pfeilschnell in Sicherheit bringt.

Der Abend bietet die letzte Gelegenheit von „Sunny“, der eindrucksvollen jungen Botswanerin, noch etwas mehr über ihr Land zu erfahren.

Dabei erfahren wir, dass die traditionellen hierarchischen Strukturen in den Familien noch eine grosse Rolle spielen. Ihr Grossvater ist der Chef des Familienclans, sehr katholisch und diszipiniert – ein Vorbild für Sunny, obwohl sie als Jugendliche äusserst flippig war, was man ihr abnimmt, wenn man ihr temperamentvolles Lachen hört. Wir erfahren, dass derjenige, der sie heiraten möchte, zunächst mit ihren Onkeln den „Lebola“, den Preis dafür aushandeln müsste, sie heiraten zu dürfen.

Da viele junge Männer das Geld hierfür nicht haben, leben immer mehr Paare eben ohne Heirat zusammen. Die alten Traditionen werden noch aufrecht erhalten, wenn auch oft nur noch zum Schein. Die Regierung legt grossen Wert auf allgemeine Schulbildung, die staatlichen Schulen sind kostenfrei, Privatschulen natürlich teuer. An die Universitäten kommen nur die Besten, die bis dahin eine Vielzahl von Prüfungen ablegen müssen. Die Unis fördern Studien im Ausland, aber nur, wenn sich die Stipendiaten verpflichten, danach nach Botswana zurückzukehren.

In der Nacht herrscht wieder reger Verkehr vor meinem Zelt – viele Büffel tappen im Wasser vorbei, ohne sich um mich zu kümmern. Rund ums Camp hört man die ganze Nacht Löwengebrüll und Schreie, die durchaus nach Todesangst klingen, als ob die Jagd erfolgreich gewesen sei. Am frühen Morgen versucht ein kinderfaust- grosser schwarzer Käfer mit Ausdauer, aber vergeblich, die Moskitogitter zu durchbrechen.

Wir gehen mit Richard auf unseren letzten Trip und treffen zunächst auf eine einsame und schrecklich hässliche Hyäne, beobachten 2 Giraffenmütter mit ihrem sehr jungen und staksigen Nachwuchs und verabschieden uns im Geist langsam von den nun schon vertrauten Tierherden, den bunten Vögeln und ausladenden urtümlichen Bäumen. Bei der Kaffeepause finden wir einen säuberlich abgenagten Elefantenschädel. Er ist erstaunlich leicht aufzuheben, was mit seiner „Leichtbauweise“ zusammenhängt, d.h. er besteht nicht aus massiver Knochenmasse, sondern aus vielen Kammern, die mit Flüssigkeit und Luft gefüllt sind, und damit dem Elefantenschädel Elastizität verleihen – ähnlich der Bauweise eines Segelflugzeugs.

Dann heisst es Taschen packen und Abschied nehmen. Wir wissen nicht, was in den letzten 6 Tagen in der Welt passiert ist und komischerweise fehlt uns auch nichts. Wir haben eine perfekte Gastfreundschaft genossen, haben die wilde, ursprüngliche und teilweise auch gnadenlose Natur Afrikas kennen gelernt – wenn auch immer im Wissen, jederzeit in unsere exklusive und luxuriöse Unterkunft zurückkehren zu können. Die Intensität der Reise entspricht auch den Gefahren, in die man sich, zunächst unwissentlich, aber doch ganz real begibt. Wir erlebten bewusst keine gefährlichen Situationen, hörten aber von Mitreisenden, die z.B. nur um Haaresbreite Hippoangriffen heil entkamen.

Wir haben das Gefühl, Freunde zu verlassen und fliegen mit kleinen Flugzeugen zurück in die Zivilisation. Dabei überfliegen wir in geringer Höhe nochmals das gesamte Okawangodelta, geniessen letztmals die Farbenpracht und Vielfalt der vom Wasser überschwemmten Natur – und schon wandeln sich Erlebnisse und Begegnungen in Erinnerungen.

 

Klaus Weidner

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Auf der Suche nach dem ursprünglichen Afrika
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Auf der Suche nach dem ursprünglichen Afrika
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Ein Reisebericht zu einer 6 tägige Safari in das Okawangodelta in Botswana
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Ein Kommentar zu “Auf der Suche nach dem ursprünglichen Afrika

  1. Uwe Bojanowski

    Hallo Klaus.

    Ein geiler bericht der das Interesse auf diesen Trip weckt und mich dermaßen packt das ich das auch erleben möchte. Ich weiß nur nicht ob man das heute noch so erlebt bzw. die natur so antrifft.

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