Das Lächeln Südostasien – Vietnam

Reisebericht Teil 2: Vietnam (22.11.-8.12.2007)

Teil 2: Vietnam

Vorbemerkungen

Wir setzen unsere in Kambodscha begonnene Südostasienreise in Vietnam fort und haben insgesamt 17 Tage Zeit, dieses Land von Nord nach Süd kennen zu lernen. Die Reise ist bezüglich der Unterkünfte vororganisiert, wir werden vor Ort von lokalen Reiseleitern betreut. Die Stationen unserer Reise sind Hanoi, Hue, Hoi An,NahTrang, Dalat und Saigon. Wir sind die erste Woche noch zu viert, die 2.Woche nehmen wir zu zweit in Angriff.

 

1. Tag

Wir kommen abends in Hanoi an und werden am Flughafen von unserem sehr freundlichen, sympathischen Reiseleiter Bao, nebst Fahrer und komfortablem Van, begrüßt, die uns die nächsten Tage begleiten werden.

Auf der 40 minütigen Fahrt ins Zentrum erhalten wir erste Infos über Vietnam und Hanoi.

Vietnam hat 84 Millionen Einwohner, das Durchschnittsalter liegt bei 24 Jahren. Das Land hat flächenmäßig die Ausdehnung der Bundesrepublik Deutschland, hat allerdings eine Nord-Südausdehnung von 1650 km und ist an seiner schmalsten Stelle nur 40 km breit. Die Analphabetenrate liegt bei 6%, das Wirtschaftswachstum in den letzten Jahren bei ca. 8%.

Die Hauptstadt Hanoi liegt im Delta des Roten Flusses, hat 3,5 Mio Einwohner und hat den Ruf, eine der schönsten Städte Asiens zu sein.

Ich war vor 11 Jahren schon einmal in Hanoi und bin natürlich sehr gespannt, was sich seither verändert hat.

Im altehrwürdigen Hotel Metropole empfängt uns eine geschäftige, elegante Atmosphäre, sehr gut gekleidete Gäste aus aller Welt vermitteln einen internationalen Flair, beim spätabendlichen Drink an der Pianobar im Freien verstärkt sich dieser Eindruck. Wir sind gespannt auf die morgige Stadtbesichtigung.

 

2. Tag

Ich beginne einen schönen sonnigen Wintermorgen mit einem Spaziergang ab 6.00 Uhr um den innerstädtischen Westsee.

Hier treffe ich halb Hanoi beim Frühsport – alt und jung, Männer und Frauen, ab und zu auch Europäer. Der Frühsport wird meist individuell, aber mit grossem Eifer betrieben. Es wird gegangen, gelaufen, gedehnt, gebeugt, gestreckt, meditiert – allein oder in kleinen Gruppen, dazwischen sitzen ein paar Zeitungsleser und frühe Kaffeetrinker, eine junge Mutter übt mit ihrem Sohn das Lesen…

Der „Sportpark“ ist äußerst attraktiv gelegen, ein schmaler Weg im Grünen umrundet diesen malerischen See und bietet Ruhe und Entspannung, während wenige Schritte entfernt schon ein mörderischer Verkehr brandet. Tai Chi oder jede weitere Form des Frühsports ist hier offenbar für viele der institutionalisierte Beginn des Tages – man tut etwas für die Gesundheit, mit asiatischer Gelassenheit, aber großer Intensität und Ernsthaftigkeit. Viele ältere Menschen präsentieren sich erstaunlich fit und gelenkig – eindruckvoll das alte Ehepaar, sie schiebt ihren Mann im Rollstuhl, stellt ihn plötzlich in der morgendlichen Sonne ab und beginnt ihr „Sportprogramm“ oder die Enkelin, die ihre Großmutter an der Hand zügig spazieren führt…

Nach dieser Oase der Ruhe habe ich größte Mühe die breite Strasse zum Hotel zu überqueren. In 6er Reihen fahren auf beiden Straßenseiten die Roller und Mopeds Schulter an Schulter, dazwischen noch Autos oder völlig überladene Motorräder, das Ganze mit einem unbeschreiblichen Gehupe – vor 11 Jahren fuhren hier nahezu lautlos Fahrräder und einige wenige motorisierte Vehikel. Fasziniert beobachte ich die vielen gut gekleideten, eleganten Frauen mit modischem Mundschutz auf ihren Rollern, an den Füssen hohe Hacken, die morgens um 7 Uhr konzentriert zur Büroarbeit streben. Der Kontrast zum beschaulichen Hanoi vor einer Dekade hätte größer nicht sein können.

Nach einem fantastischen Frühstück beginnt unser Besichtigungstag standesgemäß in Hanois ältester Pagode Chua Tran Quoc, malerisch am Westsee gelegen, in Nachbarschaft zu neuen, teuren Villenvierteln, Hotels und Konferenzzentren.

Der Tempel ist prachtvoll mit vielen Buddhas und Wächtern ausgestattet, zwischen diversen Gärten und Höfen überragt eine 10 stöckige Pagode den Tempel, auf jeder Ebene sitzen 8 Buddhas, da kann sich jeder Gläubige seinen Lieblingsbuddha aussuchen. Im Stupagarten stoßen wir auf eine Gruppe junger Leute, ein junger Mann singt mit wunderbar weicher Stimme ein klassisches Lied, wir hören verzaubert zu, bis wir entdecken, dass er völlig ohne Augen auf die Welt kam – eine weitgehend verschwiegene Auswirkung der chemischen Angriffe der Amerikaner vor 30 Jahren, auch heute noch! Wir kommen ins Gespräch, es handelt sich um eine Gruppe künstlerisch begabter Behinderter, die von einer Organisation betreut wird und die von den Gaben für die Aufführungen der Behinderten leben.

Nachdenklich setzen wir unsere Besichtigung fort und werden unmittelbar mit dem Leben von „Onkel Ho“, Ho Chi Minh konfrontiert. Das imposante Ho Chi Minh Mausoleum ist leider geschlossen, dafür können wir seine 2 Wohnhäuser besichtigen, in denen er bescheiden von 1954 -1969 lebte. Er mied den prachtvollen Kolonialpalast des ehemaligen französischen Gouverneurs und blieb bis zu seinem Tod ein bescheidener Mann. Bao erzählt uns einiges über die Lebensstationen dieses faszinierenden Mannes, er macht uns damit neugierig und regt uns zu weiterer Lektüre über das abenteuerliche Leben des ehemaligen Revolutionsführers an, mit dessen Namen wir 1968 protestierend durch die Strassen zogen, ohne wirklich etwas über ihn zu wissen!

Der Besuch der Ein-Säulenpagode gehört ebenfalls zum Pflichtprogramm eines jeden Besuchers. In dieser malerischen Pagode wird der Buddha der Barmherzigkeit verehrt, der vor allem von kinderlosen Frauen um Kindersegen angebetet wird.

Das ethnologische Museum zeigt uns einen sehr interessanten Überblick über das Leben und Arbeiten der 54 Minderheiten, die auch heute noch vor allem im nördlichen Hochland Vietnams leben. 80% der Bevölkerung sind Viet, der Rest teilt sich in viele kleine Stämme auf, die ihre eigenständigen Kulturen bis heute erhalten haben und pflegen. Das Museum zeigt sehr interessante Exponate des täglichen Lebens, der Arbeitswelt und Kunst – im Museumsshop können originale, wunderbare Arbeiten der einzelnen Stämme preiswert erworben werden ( Fair Trade). Wir bewunderten zwar die angebotenen Waren, nahmen aber dieses tolle Angebot viel zu wenig wahr und merkten erst später während der Reise, wie einzigartig und preiswert das Ganze war.

Den krönenden Abschluss des Tages bildet der Besuch im berühmten Literaturtempel. Hierbei handelt es sich um den schönsten und großzügigsten Tempel der Stadt, der ein konfuzianisches Heiligtum darstellt und zudem die älteste Universität Vietnams beinhaltete. Beim Bummel durch diesen wunderbaren Tempel mit seinen vielen prachtvoll gestalteten und ausgeschmückten Gebäuden, Plätzen und Teichen erinnere ich mich, dass sich der Tempel vor 11 Jahren noch in einem jammervollen Zustands des morbiden Zerfalls präsentierte. Offensichtlich erinnern sich die kommunistische Regierung und die Bevölkerung heutzutage wieder gerne an die alte Kultur und religiöse Vergangenheit und Tradition. Ich freue mich sehr, über diese Rückbesinnung auf alte Werte, sie macht Hoffnung, dass wir diesbezüglich auf unserer Reise weitere positive Überraschungen erleben werden.

Die vielen erwähnenswerten Einzelheiten dieses „Gesamtkunstwerks Literaturtempel“ zu schildern, sprengt sicher den Rahmen. Mir blieb vom Besuch vor 11 Jahren und heute der Stelenhof in besonderer Erinnerung. In ihm werden von 82 steinernen Schildkröten in Überlebensgröße Stelen getragen, auf denen Namen und Noten der erfolgreichen Studenten zwischen 1442 und 1779 verewigt sind. Da hat sich doch das Lernen mal gelohnt!

Am späten Nachmittag beschließen wir unsere Stadtbesichtigung mit einer einstündigen Fahrt in einer Fahrradrikscha durch die Altstadt, das „Old Quarter“.

Jeder von uns nimmt hinter seinem Fahrer in einer Rikscha Platz und los geht’s, hinein in die engen Gassen und den höllischen Verkehr. Die einzelnen Strassen sind traditionell jeweils einem Berufsstand zugeordnet, z.B. Textilien, Eisenwaren, Papierwaren und Lampions, Haushaltswaren etc. Obwohl das Prinzip heute schon häufiger durchbrochen wird, haben wir viel Spaß und bekommen auf diese Art einen malerischen Schnellkurs über das örtliche Angebot aus Handwerk und Industrie. Die Menschen arbeiten und leben auch hier so weit, wie möglich im Freien, d.h. die Gehwege sind vollgepackt mit Garküchen und Straßenständen, die Menschen stehen oder sitzen auf kleinen Hockern und essen und schwätzen, dazwischen spielen Kinder und das alles in einem infernalischen Lärm und Gestank, den die Mopeds, Roller und Motorräder erzeugen. Unsere Rikschafahrt ist absolut abenteuerlich, es zeugt von Mut und stoischer Ruhe, wie sich unsere Fahrer in dem motorisierten Chaos ihren Weg bahnen, Kreuzungen überqueren, Richtungen ändern – da gibt es auch Körperberührungen, aber erstaunlicherweise keine größeren Unfälle.

Möglicherweise hat auch das mit der friedlichen Religion des Buddhismus zu tun: leben und leben lassen, alles fließt und hupen ist besser als bremsen!

Die letzte Viertelstunde des Rundgangs bummeln wir durch den bunten und ebenfalls sehr belebten Straßenmarkt für Lebensmittel und Obst und Gemüse. Hier gibt es nichts, was es nicht gibt – sogar gebratenen Hund – von Zuchttieren, wie uns beteuert wird. Die Haushunde sind Freunde der Menschen und werden (in der Regel) nicht verspeist

 

3./4. Tag

In aller Frühe wird zunächst auf der Bank Geld gewechselt, der starke Euro erzielt einen sehr guten Kurs in Dong, das Bezahlen mit lokaler Währung erweist sich als deutlich günstiger.

Die nächsten beiden Tage verbringen wir in der sagenumwobenen Halongbucht. Für ca. 120 km Landstraße benötigen wir 5 Stunden durch einen auch auf dem Land irrsinnigen Verkehr. Am rücksichtslosesten sind die Fahrer der öffentlichen Linienbusse, die, unter Zeitdruck stehend, abenteuerlich überholen.

Als wir endlich das Meer erreichen und in den Hafen einbiegen, bietet sich ein buntes Bild: Hunderte von Dschunken, keine wie die andere, erwarten ihre Passagiere.

Nach einigem Suchen finden wir unser Schiff, die Delphin, klein, aber fein beherbergt sie nur 4 Passagiere, d.h. 2 Kabinen, ein schöner Speiseraum, ein Sonnendeck mit 4 Liegen erwarten uns exklusiv, sowie eine 5 köpfige Besatzung. Unser Reiseleiter Bao darf erfreulicherweise auch mit, er schläft wohl an Deck.

Dann geht es los, nach wenigen Meilen beginnt eine komplett andere Welt.

Wow! Wir tauchen ein, in eine zauberhafte Meereslandschaft, wie sie von uns noch keiner gesehen hat. Hunderte von Felsen und Felseninseln, grün bewachsen, bilden Formationen, die die Phantasie des Betrachters zu immer neuen Interpretationen reizt: Drachen, Löwe, Elefant, Enten – ein Zoo aus Stein. Eine Melange der Farben: das Grün der bewachsenen Felsen, die Blautöne von Himmel und Meer, die Farbtupfer der Dschunken, die Licht- und Schattenspiele, im Gegenlicht entstehenden Schattenrisse – im mittäglichen Dunst bilden sich immer neue Bühnenbilder eines bizarren Naturschauspiels

Wir tuckern gemütlich durch immer neue Steinlandschaften, liegen faul in unseren Liegestühlen an Deck und lassen die Seele baumeln. Plötzlich entsteht eine gewisse Hektik. Wir legen in einem kleinen Hafen an einem riesigen Felsen an und werden von Boab aufgefordert, ihm über 174 Stufen nach oben zu einem kleinen Tempel und einem herrlichen Rundblick zu folgen, um den spektakulären Sonnenuntergang zu genießen. Nach diesem unvergesslichen Farbenspiel tuckern wir in der aufziehenden Dämmerung weiter, bis wir in einem Naturhafen einen romantischen Ankerplatz für die Nacht finden. Ein tolles Abendessen im Salon der Dschunke und mehr oder weniger lange Meditationen an Deck in einer klaren Vollmondnacht lassen Traum und Wirklichkeit verschwimmen.

Der Morgen beginnt mit Frühsport an Deck und einem rustikalen Frühstück. Dann verzichten wir auf eine Tropfsteinhöhlenbesichtigung und bitten den Kapitän, für uns statt dessen eine einsame Bucht für einen exklusiven Badevormittag zu suchen.

Vor atemberaubender Kulisse lassen wir uns in dem warmen, weichen Wasser zeitlos treiben.

Auf der Rückfahrt werden wir dann noch mit einem Abschiedsessen verwöhnt, während draußen die unwirkliche Fels- und Wasserlandschaft langsam im Dunst wieder verschwindet. Haben wir das eigentlich alles nur geträumt?

Im Hafen erwartet uns geschäftiges Treiben, wir bepacken unseren Van und fahren zurück nach Hanoi, wo uns am Abend noch ein Wasserpuppenballett erwartet. Die Akteure stehen hinter einem Vorhang im Wasser und bewegen die lustigen, bunten Wasserpuppen so artistisch an langen Stangen, dass sie zu den Klängen eines Gammelanorchesters zu richtigem Leben zu erwachen scheinen.

 

5. Tag

Leider müssen wir heute schon am Vormittag Abschied von Hanoi nehmen, da unser Flug nach Hue vom Abend auf 10 Uhr vorverlegt wurde.

Dieser ursprünglich noch für Hanoi vorgesehen Tag fehlt uns natürlich sehr, da es in dieser schönen Stadt noch viel mehr zu entdecken gäbe, als wir an dem einen Besichtigungstag als Pflichtprogramm sehen konnten. Vor allem vermissen wir ein entspanntes Bummeln auf eigene Faust durch die sehr lebendige Kunst- und Galerienszene und die in den letzten Jahren entstandenen Läden und Boutiquen für Mode und landestypische Produkte. Schade, hier gibt es Verbesserungspotential für zukünftige Reiseplanungen und einen weiteren Grund für ein Wiederkommen!

In Hue kommen wir bei warmem, aber trübem, regnerischem Wetter an. Beim Transfer zum Hotel sieht man an den Straßenrändern den angeschwemmten Schmutz und auf den überschwemmten Feldern noch überall die Spuren des Hochwassers der letzten Woche, andererseits geht das Leben der Menschen seinen normalen Gang, was nach den katastrophalen Zeitungsberichten erstaunlich ist. Auch im wunderschönen Art Deco Hotel, am Ufer des Parfümflusses, berichtet die deutsche Chefin von den chaotischen Zuständen der letzten Woche, aber auch von der Tatsache, dass Hue in den letzten Monaten schon 5 Überschwemmungen zu verkraften hatte und die Bewohner sich weitgehend darauf eingestellt hätten. In Zentralvietnam ist von Oktober bis Dezember Monsun- und Taifunzeit, da muss mit solchen Vorfällen gerechnet werden – neu ist nur die Häufung von Taifunen.

Bei unserer Reiseplanung hat uns allerdings niemand auf die speziellen Wetterbedingungen in dieser Jahreszeit hingewiesen, was nicht korrekt ist.

Mit unserer Führerin My beginnen wir am Nachmittag unser Besuchsprogramm mit einer längeren Flussfahrt auf dem Parfumfluss mit einem bunten Drachenboot.

Zunächst dämpft das trübe Wetter Sicht und Laune, nur wenige Boote gleiten schemenhaft an uns vorbei, aber als wir an den gewaltigen Festungsmauern des Kaiserpalastes vorbeituckern und einige Blicke auf schöne Gebäude erhaschen, steigt doch die Vorfreude auf die morgige Besichtigung.

Plötzlich legen wir an und stehen am Fuße der Thien Mu Pagode, der ältesten und schönsten Pagode Hues. Der achteckige und 7 stöckige Stupa aus Backstein ist von weitem sichtbar, jedes Stockwerk symbolisiert die Inkarnation Buddhas. Die Anlage ist ein friedlicher Ort voll morbiden Charms und wird von vielen jungen Mönchen zwischen 8 und 12 Jahren bewohnt, die ihr Tagwerk mit großer Ernsthaftigkeit und völlig unbeeindruckt von den Touristen verrichten. Ein Gong ruft sie in den Tempel, wo sie genauso ernsthaft und entrückt die eintönigen Lieder singen.

Die Geschichte der Pagode ist allerdings weit weniger friedfertig. Sie stand früher im Mittelpunkt der buddhistischen Opposition gegen den Kolonialismus und wurde 1963 weltberühmt, als einer ihrer Mönche nach Saigon fuhr und sich aus Protest gegen das Diem-Regime mit Benzin übergoss und selbst verbrannte. Dieses Bild ist im kollektiven Gedächtnis meiner Generation tief verankert und war letztlich der Beginn des Vietnamdesasters der USA. In der Pagode ist das blaue Auto zu besichtigen, mit dem der Mönch damals nach Saigon fuhr – eine eigenartige, aber sehr realistische Reliquie.

Wir fahren nachdenklich auf dem Parfümfluss zu unserem wunderschönen Hotel zurück, das früher der Palast des französischen Gouverneurs war. Der deutsche Koch verwöhnt uns mit einer vorzüglichen Mischung europäischer und asiatischer Speisen und Gewürze und gibt uns darüber hinaus einen kurzen Einblick in seine Schwierigkeiten mit der vietnamesischen Arbeitsmoral, die streng hierarchisch nur auf dem Befolgen von Anordnungen beruht, Eigenverantwortung und Eigeninitiative sind selten, ständige Kontrollen unabdingbar, wenn ein bestimmtes Niveau gehalten werden soll.

Dem steht die Information aus einem Gespräch mit einer sehr freundlichen Bedienung gegenüber, die uns von ihrem Zweitjob in einem italienischen Restaurant berichtet, den sie u.a. benötigt, um ihrem Bruder das Studium mitzufinanzieren. Sie kommt so im Schnitt auf 14 Arbeitsstunden pro Tag! Der gestiegene Lebensstandard hat seinen Preis – wie wir immer wieder erfuhren, hat nahezu jeder Vietnamese einen Zweitjob, um über die Runden zu kommen, bzw. sich einen höheren Lebensstandard leisten zu können.

 

6.Tag

Am heutigen Tag sind wir der verblichenen Pracht der alten Kaiserstadt Hue auf der Spur, die Anfang des 19.Jahrhunderts ihren Anfang nahm.

Damals ordnete Kaiser Gia Long den Bau der Zitadelle an, die sowohl eine Festung, als auch vor allem die Wohnstadt für die kaiserliche Familie und deren Beamten sein sollte, nach dem Muster Pekings. In den Folgejahren entstand eine 20 Meter breite, 7 Meter hohe und 10 km lange Mauer, die ein Gelände von ca. 520 Hektar umgab, das schliesslich 300 Gebäude – Paläste, Tempel, kaiserliche Wohn- und Verwaltungsgebäude, Theater, Gräber etc. – beheimatete.

Von 1802 bis 1945 regierten 13 Kaiser von hier aus Vietnam, allerdings ab 1884 unter dem Kuratel der Kolonialmacht Frankreich.

Von der einstigen Pracht sind leider nur Bruchstücke übrig geblieben – Kriege, Naturkatastrophen und das langjährige Desinteresse der kommunistischen Machthaber an den historischen, kaiserlichen Wurzeln zerstörten die prunkvollen Anlagen oder ließen sie im Laufe der Zeit verkommen. Die Eroberung der Zitadelle während der berühmten Tet-Offensive 1968 durch die Vietcong und die anschließende Bombardierung und Rückeroberung durch die USA waren wohl der traurige Höhepunkt der menschlichen Zerstörungswut.

Trotz allem können wir uns der Faszination dieser ehemaligen Kaiserstadt nicht entziehen, die seit 1993 Weltkulturerbe des Unesco ist und mit internationaler Hilfe sukzessive wieder restauriert wird. Wir bummeln mehrere Stunden in ständigem Wechsel durch renovierte Prachtgebäude, völlig vernachlässigte und langsam zerfallende Paläste und Tempel und Ruinen, die wohl nicht mehr zu retten sind. Das tropische, feuchte Klima führt zu einer üppigen Vegetation, die ungebremst wuchert und über vielem gnädig einen grünen Schleier des Vergessens ausbreitet. Trotzdem oder gerade deswegen hat die ganze Anlage einen morbiden Reiz, der den Entdeckungsgeist und die Phantasie des Besuchers anregt. Die unvorstellbare kaiserliche Sucht nach Prunk und Luxus für über 2000 Menschen, darunter Hunderte von Konkubinen, die hier abgeschirmt im 19. und bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts lebten, ist schwer nachvollziehbar – eher wird verständlich, dass die kommunistische Revolution hier einen fruchtbaren Nährboden fand.

Abgerundet wird das Ganze durch den Besuch von 2 Kaisergräbern, die in ca. 30 km Entfernung in den Bergen angelegt wurden. Im Ausmaß und der Ausstattung der Grabanlagen spiegelt sich nochmals die Maßlosigkeit und Selbstüberschätzung dieser Dynastie – allerdings hinterließen sie der Nachwelt sehr unterschiedliche, aber architektonisch reizvolle Anlagen: eine kalte, protzige Grabanlage der eine und eine liebenswert verspielte letzte Ruhestätte, der andere. Kaiser Tu Duc ließ seine heitere Grabanlage schon früh zu Lebzeiten bauen und verbrachte dort in den idyllisch gelegenen Pavillons am See viele Jahre, dichtend und mit seinen Gespielinnen. Da ein Buddhist sowieso keine Angst vor dem Tod hat, hatte das Ganze weder für ihn, noch seine Besucher eine makabere Note.

 

7.Tag

Wir nehmen Abschied von Hue und fahren mit unserem komfortablen Van gen Süden durch die Berge, überqueren 3 Pässe um nach Hoi An zu kommen.

Der Wolkenpass ist eine Wasser- und Wetterscheide und prompt sehen wir seit Tagen wieder einmal die Sonne. Allerdings enttäuschen die vorher so viel gepriesenen Ausblicke zurück und nach vorn, die Luft ist so feucht und diesig, dass auch die besten Digitalkameras keine schönen Landschaftsbilder zaubern können. Die verheerenden Regenfälle der letzten Woche hatten überall Erdrutsche verursacht, die zwar noch sichtbar, aber in Windeseile soweit weggeräumt waren, dass die Passtrasse nur wenige Tage unterbrochen war.

Auf dem Wolkenpass erwarten uns unzählige junge Händlerinnen, die uns den üblichen Touristenkitsch verkaufen wollen. Da ich bei meiner Ablehnung der Angebote freundlich grinse, erlebe ich etwas Lustiges: die jungen Frauen lächeln mich plötzlich freundlich an, streicheln über meinen Bauch und sagen „Happy Buddha“ und brechen dann im Chor in fröhliches Gelächter aus. Irgendwie habe ich wohl eine „göttliche“ Ausstrahlung, die ihnen gute Laune verschafft.

An unserem nächsten Reiseziel Hoi An erleben wir eine angenehme Überraschung. Da unser vorgesehenes Hotel wegen Hochwasserschäden noch geschlossen ist, erleben wir ein Upgrade in das beste Hotel am Platze, das Strandhotel Victoria, wo wir einen schönen Bungalow direkt am traumhaften Sandstrand beziehen.

Es ist immer noch sehr windig, die Wellen sind mannshoch – ein kleiner Nachgeschmack, was hier beim Taifun vor einer Woche los war. Da es uns für ein Badevergnügen zu windig ist, fahren wir per Taxi in den 5 km entfernten Ort. Diese charmante, alte Hafenstadt mit ihren engen Gassen und bunten niedrigen Häusern kommt uns auf Anhieb wie ein sympathisches Einkaufszentrum im Freien vor. In dieser liebenswürdigen und nicht aufdringlichen Verkaufatmosphäre bin ich als „Happy Buddha“ wieder ein voller Erfolg – was ich dieses mal für erfolgreiche Kaufverhandlungen nutze, z.B. 4 Seidenkrawatten für 180.000 Dong (etwa 10 Dollar).

Der 8. Tag beginnt mit einem herrlichen Sonnenaufgang am Meer und einem erfrischenden Bad im Pool – das Meer ist noch immer sehr bewegt, der Sturm hat sich allerdings gelegt.

Bei unserer morgendlichen Besichtigung von Hoi An stellen wir fest, dass die Überschwemmung vor 14 Tagen alle Rekorde gebrochen hat – die entsprechenden Zeichen an den Häuserwänden sind Rekordmarken in 2 m Höhe. Aber abgesehen von einigem Müll an den Straßenrändern, läuft alles normal –the show must go on!

Hoi An bietet neben den preiswerten Einkaufsmöglichkeiten eine Menge entspannter Urlaubsatmosphäre und einige kulturelle Highlights aus der bewegten chinesisch / japanischen Vergangenheit. Wir besuchen einen sehr bunten chinesischen Tempel und ein chinesisches Wohnhaus direkt am Hafen, in dem Chinesen schon seit

7 Generationen leben und erfolgreich Handel treiben. Ein sehr schöne von den Japanern gebaute Brücke, zählt zu den Wahrzeichen der Stadt. Sie wird auf der einen Seite von einem geschmückten steinernen Affen und auf der anderen Seite von einem steinernen Hund bewacht – im 17. Jahrhundert gehörte eine Seite der Brücke den Japanern, die andere den Chinesen.

Hoi An war früher ein wichtiges Handelszentrum und hat sich heute in ein aufstrebendes Touristenzentrum gewandelt – die vielen kleinen Restaurants und Bars am Fluss bieten für jeden Geschmack und Geldbeutel etwas, die alten Fassaden mit den bunten Auslagen verleihen der Stadt einen besonderen Flair – hier könnten wir es leicht noch ein paar Tage aushalten, zumal wir uns jederzeit in unser schönes Hotel am Meer zurückziehen könnten, wenn uns der Trubel in der Stadt zu viel würde.

Am Nachmittag verabschieden sich unsere Freunde von uns, da sie nach Saigon fliegen und von dort nach Hause fliegen, während wir die Reise zu zweit fortsetzen.

Am nächsten Morgen, unserm 9. Tag, fliegen wir weiter nach Süden in ein Ferienressort in Nha Thrang.

An dieser Stelle singe ich das hohe Lied auf Vietnam Air, alle unser Flüge mit dieser Gesellschaft waren superpünktlich, das Personal freundlich, das ganze Umfeld professionell – was will man mehr?

Nach einem schnellen Transfer vom neuen Flughafen über neue Strassen in das 30 km entfernte Nha Trang landen wir in einem sehr schönen Ferienressort, das sich dezentral direkt am feinen Sandstrand entlang zieht. Wir beziehen mit großem Vergnügen einen modernen, geräumigen Bungalow, direkt am Meer, vor der Terrasse warten unsere eigenen Liegestühle unter einem weißen Sonnenschirm auf uns – die lautstark heranrollenden Wellen laufen vor unseren Füssen als weiße Gischt im Sand aus. Wir beschließen spontan, jede Art von Besichtigungsprogramm zu streichen und wenigstens für heute und morgen auszuspannen und dieses tolle Ambiente zu genießen. Nach 2 Wochen pausenloser Aktivitäten und ständig neuer Eindrücke, haben wir uns dieses Nichtstun redlich verdient.

Der 10. Tag ist somit der einzige Ruhetag ohne Pflichten, den wir uns auf der ganzen Reise gönnen. Sonne, Strand und Meer, dazu eine entspannende Massage und eine köstliche Küche – wunderbar und leider viel zu schnell vorbei! Die Sonnenauf- und Untergänge mit ihrem dramatischen Farbenspiel sind eine Zugabe, man kann sich kaum satt sehen.

Am 11. Tag vertreiben wir uns frühmorgens selbst aus dem Paradies und starten mit neuem Betreuungsteam die etwa 6 stündige Fahrt ins Bergland nach Dalat. Der neue Reiseleiter Doan und sein Fahrer erweisen sich beide als freundlich und kompetent. Da wir die verbleibenden 6 Tage zusammen mit diesem Team verbringen, sind beide echte Glücksfälle.

Wir fahren zunächst an wunderbaren, völlig unberührten Stränden entlang gen Süden – Vietnam hat bei fast 1500 km Küste einen Überfluss an Meer und Sand! Die Landschaft wird bunter und vielfältiger, wir fahren durch Reis- und Gemüsefelder, die von Fischzuchtanlagen unterbrochen werden, dann folgt Mais-, Bananen-,Zuckerrohr- und schließlich sogar Weinanbau. Wir erfreuen uns an den unterschiedlichen Grüntönen, den Farbtupfern der Bauern mit ihren typischen Spitzhüten, den Wasserbüffeln, Kühen, Enten, Kranichen und weiterem Kleingetier. Inzwischen fahren wir auf der Nationalstraße Nr.1, der wichtigsten Nord / Südverbindung, die allerdings vor kleinen und großen Schlaglöchern nur so strotzt und darüber hinaus den üblichen Verkehrswahnsinn bietet – ein Reiseschnitt von höchstens 40 km pro Stunde ist die Folge.

Bevor wir in nahezu rechtem Winkel die Küstenregion verlassen und den Aufstieg in die Berge beginnen, besichtigen wir 3 sehr gut erhalten Chamtürme, die auf einem Granithügel ziegelrot in der Sonne leuchten und ein historisches Relikt aus der Zeit der Cham-Herrschaft des 14. Jahrhunderts darstellen. Die Chamherrscher sind uns schon bei der Kambodschareise begegnet, wo man uns von blutigen Fehden mit den Khmer berichtete.

Das komplett aus Ziegelstein gebaute Heiligtum ist dem 6 armigen Shiva gewidmet, der von vielen Göttern begleitet wird, die überall auf den Türmen im Lotussitz sitzen. Im Inneren befindet sich ein mächtiger Phallus, der den Cham-König symbolisieren soll – die diesbezüglichen Anspielungen auf die Mächtigen unserer Zeit sind zum Glück etwas dezenter!

Die Fahrt über 2 Pässe auf einer schmalen Straße nach Dalat, das auf 1500 m liegt, war schön und mühsam. Die Landschaft änderte sich ständig und mündete schließlich bei Erreichen einer Hochebene in terrassenförmigen Kaffee- und Teeanbau, dazwischen allerdings finden sich immer wieder Gemüsefelder, was zu einem sehr abwechslungsreichen Landschaftsbild führt.

Dalat war schon immer die Sommerfrische für die hitzegeplagte Oberschicht von Saigon und des Mekongdeltas.

Heute präsentiert sich die 200.000 Einwohnerstadt zwar als Ort im Grünen, aber schon auf den ersten Blick auch mit einem unglaublichen Mischmasch von Baustilen, vom sozialistischen Plattenbau bis zu gut erhaltenen Kolonialvillen der Franzosen.

Wir haben uns bezüglich unseres Hotels unglücklicherweise für die koloniale Tradition entschieden. Das Annamanressort liegt zwar sehr idyllisch oberhalb der Stadt an einem parkartigen, bewaldeten Hügel, die Kolonialvilla, in der wir untergebracht werden, befindet sich aber in einem ungepflegten, jammervollen Zustand, der versprochene Butlerservice funktionierte keine Sekunde – wir hatten das Paradies am Meer mit einer historischen „Jugendherberge“ getauscht. Bezeichnenderweise war beim Abendessen auch nur noch ein weiteres Paar anwesend.

Wir versuchen das Beste aus der Situation zu machen und unternehmen mit Führer und Fahrer eine erste Stadtrundfahrt. Das Zentrum von Dalat gruppiert sich um einen wunderschönen See, dessen Sonnenseite mit prachtvollen alten Villen bebaut ist, während die andere Seite lt. Beschreibung einen der schönsten Golfplätze Südostasiens beherbergt. Eigentlich wollten wir dort die Schläger schwingen, aber es war schon so spät am Nachmittag, dass wir es bei einem kurzen Rundgang bewenden ließen – am ersten Abschlag stießen wir auf ein Schild „No Mulligans please“, was uns sehr amüsierte, zumal die 1. Bahn sehr eng und baumreich war. In der Stadt stießen wir am Abend auf Hunderte von Schüler und Studenten, alle erkenn- und unterscheidbar an ihren unterschiedlichen Uniformen. Besonders hübsch und sexy wirken die älteren Schülerinnen in ihren langen, weißen, seidenen Gewändern, die sich graziös und elegant auf ihre Mopeds oder Roller schwingen.

Am späten Abend hatten wir noch ein lustiges Erlebnis in unserer hellhörigen „Jugendherberge“. Aus dem Nachbarzimmer erklang mitten in der Nacht eine laute, aufgeregte, Frauenstimme, die irgendjemandem wütende Monologe zu halten schien. Da uns dieser schrille, andauernde Lärm auf die Nerven ging, lauschte ich zunächst an der Nachbartür und kam dabei zu dem Schluss, dass die Stimme aus einem zu laut aufgedrehten TV kommen müsse.

Ich klopfte, nach einer Schecksekunde öffnete ein nur mit einem Handtuch bekleideter, junger Japaner und sah mich mit großen Augen an. „Your TV is too loud, we cant sleep“, sagte ich mit bestimmter, unmissverständlicher Stimme. Er antwortete „We don`t have TV, we are talking in the toilett“. Mein Anblick muss so furchterregend gewesen sein, dass wir nie mehr einen Laut von nebenan hörten, vielleicht hatte ich ihn aber auch aus einer sehr ungemütlichen Situation gerettet.

Der sonnige 12. Tag beginnt mit einem gemütlichen Rundgang durch den im ganzen Land berühmten Obst- und Gemüsemarkt von Dalat. Der riesige Markt macht seinem Ruf alle Ehre – die Bauern aus der Umgebung bauen wahre Kunstwerke an Farbe, Vielfalt und raffinierter Warenpräsentation auf – ein Besuch hier ersetzt eine ganze Lehre bei uns. Die Markthalle bietet auf mehreren Etagen alles, was das Herz begehrt, inklusive einer „Fressmeile“, wo die diversen Nudelsuppen und sonstige Köstlichkeiten frisch zubereitet werden. In der Textiletage eine Etage höher ist Barbara in ihrem Element, ich wusste gar nicht, dass sie so viele Freundinnen hat, denen sie allen eine Seidenschal mitbringen muss. Ich errege hier wieder grosse Aufmerksamkeit und Heiterkeit, werde angelächelt, manchmal auch angefasst, „ Du stiehlst mir hier die Show“, stellte Barbara trocken fest.

Wir besichtigen dann noch den Palast des letzen Kaisers Bao – ein eher bescheidener Gründerzeitbau – aber Bao war auch eine schwache Gestalt von der Franzosen Gnade.

Wir besichtigen noch eine schön gelegene Pagode, die von Spenden reicher Auslandsvietnamesen gebaut wurde. Von einem schönen, alten, französischen Bahnhof aus, der die Patina der 30er Jahre ausstrahlt, sollten wir eine nostalgische Zugfahrt unternehmen, die aber mangels Passagieren gestrichen wird. Unser Reiseleiter läd uns stattdessen zu einem Mittagessen in einem bekannten Spezialitätenrestaurant ein, von der VIP-Etage im 4.Stock haben wir dann einen wunderbaren Blick über Zentrum, See und Verkehrsgewimmel – begleitet von heißer amerikanischer Rockmusik.

Am Nachmittag nehmen wir zur Freude unseres Begleitteams frei – sie freuen sich auf die hübschen Frauen von Dalat – und gönnen uns eine Erholungspause am Pool, zumal wir morgen eine über 300 km lange Autofahrt nach Saigon vor uns haben.

Der 13. Tag ist ein langer Reisetag von Dalat nach Saigon, wofür wir letztlich über 7 Stunden benötigen. Wir fahren durch wunderschöne Landschaften und viele Klimazonen und bekommen so einen Eindruck im Zeitraffer über die Vielfalt dieses schönen Landes. Im Hochland ist gerade Kaffeeernte, was bedeutet, dass vor vielen Häusern die grünen oder roten Kaffeebohnen zum Trocknen ausgebreitet sind. Neben den großen Kaffeeplantagen bewirtschaftet jeder Bauer auch seine kleinen Anpflanzungen für den Eigengebrauch. Ein Kaffeestrauch wirft nach 3 Jahren bis zu 10 kg pro Jahr Ernte ab.

Je mehr wir das Hochland verlassen, desto dichter wird der Waldwuchs, bis wir schließlich durch einen schier undurchdringlichen Urwald fahren, der zumindest äußerlich noch ziemlich unberührt scheint. Es schließen sich Gummibaum- und Teakholzwälder an, danach beginnt wieder der Mais- und Reisanbau.

Unterwegs stoßen wir immer wieder auf stillgelegte Fabrikanlagen, die traurige Zeugen des Preis- und Konkurrenzdrucks sind, den China durch seine billigere Massenproduktion auf seinen Nachbarn Vietnam ausübt.

Eine so lange Autofahrt lädt natürlich auch zu Fragen an unseren Reiseleiter ein, über das heutige Leben in Vietnam. Er bestätigt uns, dass ohne Zweitjobs ein vernünftiger Lebensstandard nicht zu halten ist, vor allem, wenn man den Kindern eine vernünftige Ausbildung bieten will, was für die meisten Familien eine hohe Priorität hat. In seinem Fall ist seine Frau Eigentümerin einer kleinen Buchhandlung in Saigon, er hilft mit oder hält ihr in seiner freien Zeit im Haushalt den Rücken frei. Die Frauen sind absolut gleichberechtigt und weitgehend berufstätig. Mit der Moral scheint man es nicht mehr so sozialistisch ernst zu nehmen, „Konkubinen“ sind auch heute noch die Regel, nach seiner Aussage hat fast jeder Mann eine Freundin – dieses Erbe hat das Volk vom Kaiser übernommen. Unser Reiseleiter spricht listig „von der Reissuppe zuhause und der Nudelsuppe auswärts“. In der Familie hat allerdings die Frau das Sagen – das erinnert mich an meine Erfahrungen in der früheren DDR, wo auch die Frauen eine starke, selbstbewusste Stellung in Staat und Familie hatten.

Am Beispiel seiner beiden Söhne schildert er die gesellschaftlichen Veränderungen in Vietnam – sie genießen eine gute Schulbildung, haben aber ein völlig anderes Konsumverhalten und Anspruchsdenken, als ihre Eltern, leben möglichst lange zuhause, was aber sehr konfliktträchtig ist, aufgrund der sich verändernden Werte zwischen Jung und Alt.

Auf die Frage, warum in Vietnam kein Hass auf die Kriegsgegner spürbar sei, antwortet Doan: „Der Buddhismus kennt keine Rache, wir schauen nicht zurück, sondern nach vorn.“ Auf unsere Frage nach Mentalitätsunterschieden zwischen Nord- und Südvietnam lacht er und erklärt: „Der Norden ist zurückhaltend und fleißig , die Mitte geizig und der Süden kommunikativ, kreativ, aber faul.“

Am späten Nachmittag kommen wir in der beginnenden Rushhour in Saigon an, das schon auf den ersten Blick wesentlich großstädtischer und eleganter wirkt, als Hanoi. Hochhäuser, breite Avenuen und ein potenzierter Verkehrswahnsinn empfangen uns. Da wir sehr zentral im modernen Hyatt untergebracht sind, unternehmen wir noch einen Abendspaziergang und sind plötzlich mitten in Südostasien im Weihnachtsgeschäft, dem wir ja mit unserer Reise entkommen wollten. Lichtreklamen, Weihnachtsbäume, Dekorationen der Schaufenster, Weihnachtslieder, Gedrängel der Kunden – alles, wie bei uns!

14./15.Tag Bevor wir Saigon näher erkunden, machen wir zunächst eine zweitägige Entdeckungstour in das Mekongdelta.

Der Mekong hat beim Eintreffen am Meer schon ca. 4000 km hinter sich und ist inzwischen zu einem so riesigen Fluss angeschwollen, dass er ein 250 km breites Delta schuf. Er teilt sich in 9 mächtige Arme (Drachen), das Delta ist von unzähligen Wasserstrassen und Kanälen durchzogen, 18 Millionen Menschen leben hier am und mit dem Wasser. 38% der Reisente des Landes wird hier produziert, das enorm fruchtbare Schwemmland erlaubt sehr gute Obst- und Gemüseernten, den Anbau von Kokospalmen, Zuckerrohr etc.

Erneut dauert die 130 km lange Anfahrt Stunden, was am Verkehr und nicht an den kurzen Photostopps vor malerischen Motiven des ländlichen Lebens oder vor den Familiengräbern mitten in den Reisfeldern, liegt. Gegen Mittag beziehen wir in

Cai Be unser Schiff, die Bassac II, ein modernes Flussschiff, das ca. 25 Gästen Platz bietet.

Bevor wir unsere Rundfahrt starten, besuchen wir mit einem kleineren Schiff eine einheimische Süßwarenproduktion – einen Familienbetrieb, in dem in eindrucksvoller Hand- und Teamarbeit ausschließlich Naturprodukte, wie Reis, Kokos, Zucker, Früchte etc. zu schmackhaftem Naschwerk verarbeitet werden. Uralte Produktionsmethoden sind hier überliefert, z.B. wird in einen Kessel voll glühend heißem, feinstem schwarzen Sand eine spezielle Reissorte geworfen, die sich sofort explosionsartig in eine Art Puffreis verwandelt. Ein Produkt wandert bis zur Fertigstellung arbeitsteilig durch bis zu 5 Hände, die Tüten werden am Schluss mit Hilfe brennender Kerzen verschlossen. Hoffentlich überleben diese Familienbetriebe die gnadenlose chinesische Massenproduktion!

Den Nachmittag über tuckern wir geruhsam kreuz und quer durch die vielen Flussarme und Kanäle, die manchmal nur 30 m und dann wieder bis zu 3 km breit sind. Da sich das Leben der Menschen komplett am oder im Wasser abspielt, bekommen wir sehr schöne Einblicke in den Tagesablauf, die Arbeits- und Produktionsstätten – aber auch manchen intimen Blick in die Hausboote oder die zum Fluss hin offenen Wohnräume der Häuser. Diese sind in der Regel auf 3 m hohen Pfählen errichtet und beherbergen auf engstem Raum meist 3 Generationen.

Gegen Abend legen wir an, um ein kleines Dorf am Fluss zu Fuß zu erkunden. Wir werden freundlich begrüßt, gehen auf schmalen, sumpfigen Wegen von Haus zu Haus, die alle mit fließendem Wasser und Elektrizität ausgestattet sind und einen wohl situierten Eindruck machen.

Unser Spaziergang endet allerdings jäh, als sich unter Barbara eine Betonplatte löst und sie kopfüber in ein Sumpfloch stürzt. Viele hilfreiche Hände ziehen sie schließlich aus dem tiefen Schlamm, in dem sie hilflos feststeckte. Völlig durchnässt und verdreckt amüsierte sie vor allem die Kinder, die gerade von der Schule kamen. Da sie sich auch das Schienbein aufgeschrammt hatte, brachte unser Reiseleiter zunächst von irgendwoher im Dorf Desinfektionsmittel, anschließend war große Wäsche an Bord angesagt. Ich hängte die nasse Wäsche an der höchsten und windigsten Stelle des Schiffes zum Trocknen auf, was allerdings dem Kapitän gar nicht gefiel, als er die lustig im Wind flatternde, weibliche Unterwäsche an seinem Allerheiligsten, dem Kommandostand auf der Brücke, entdeckte. Unter ungeheurer Belustigung der Mannschaft wurde die Wäsche in den warmen Maschinenraum „entsorgt“.

Der folgende Sonnenuntergang auf dem Mekong war wieder unvergesslich, das Farbenspiel auf dem Wasser, die Lichter der vorbeifahrenden Schiffe, die sparsame Beleuchtung an Land, das glimmende Opferstäbchen über der Brücke, die kurzfristig aufzuckenden Scheinwerfer der Schiffe zur Orientierung – eine total andere Abendstimmung, als bisher erlebt.

Das Abendessen an Bord unter warmem freien Himmel, gab Gelegenheit zum Erfahrungsaustausch mit anderen Weltenbummlern aus Deutschland und der Schweiz, nur die französische Gruppe blieb autistisch unter sich, kein Gruß, kein Lächeln, kein Kontaktversuch – vielleicht trauern sie noch ihren verlorenen Kolonien nach?

Am Morgen ist gegen 6.00 Uhr, pünktlich zum Sonnenaufgang, plötzlich rund um unser Schiff die Hölle los – wir ankern mitten in einem Floating Market, Produzenten, Großhändler und Endverbraucher tauschen ihre Waren und Produkte per Boot aus – in einem wohlgeordneten „Durcheinander“, wie wir später erfahren. Derjenige, der etwas verkaufen möchte, bringt auf einer Stange sein Angebot weit sichtbar an, so dass ihn die Nachfrager mit ihren Booten aller Größenordnungen gezielt ansteuern können.

Mit einem wunderbaren Frühstück an Bord endet unsere Zeit auf der Bassac, wir werden auf ein kleineres Schiff ausgebootet, das uns zu einem weiteren Floating Market bringt, der den frühmorgendlichen bezüglich Größe, Angebot und Hektik bei weitem in den Schatten stellt. Zum Abschluss unserer Entdeckungstour besuchen wir noch eine Nudelfabrik, wo uns erneut uraltes, handwerkliches Geschick und familiäre Teamarbeit demonstriert wurde. Unsere Gesichter wurden allerdings merklich länger, als wir erfuhren, dass das zur Produktion benötigte Wasser, direkt aus dem Mekong stammt- gereinigt zwar, aber immerhin!

Wir treffen am späten Nachmittag wieder in Saigon ein und nutzen den Abend zu einem weiteren Erkundungsspaziergang. Nach der Ruhe im Mekongdelta, kommt uns die Stadt noch lauter, hektischer, heißer und schwüler vor, zumal wir von einem tropischen Regenguss überrascht werden. Wir retten uns ins Pho 2000, eine berühmte Schnellgaststätte für Nudelsuppen, wo wir unter einem Foto der Clintons, die vor einigen Jahren hier waren, zwischen köstlichen Nudelspezialitäten wählen konnten

Vor der Türe warten wunderschöne Prostituierte im knappsten Outfit und mit höchsten Hacken auf Rollern auf ihre Kunden – Miss Saigon lebt -, erneut empfängt uns das laute, bunte, asiatische Weihnachtsgeschäft… unser modernes Hotel kommt uns schließlich wie eine Oase vor.

Der 16. Tag ist unser vorletzter Reisetag und dient einer umfangreichen Stadtbesichtigung unter der fachkundigen Anleitung unseres Reiseleiters. Wir fahren und bummeln durch das koloniale Saigon, das zu Recht auch das Paris des Ostens genannt wird. Das Rathaus, die Hauptpost und Kathedrale Notre Dame sind ebenso Zeugen des französischen Erbes, wie viele Häuserfassaden an den breiten Boulevards. Ho Chi Minh darf natürlich als viel fotografiertes Denkmal vor dem üppig verzierten Rathaus, in dem heute das Volkskomitee der Stadt seinen Sitz hat, nicht fehlen. Die alte Pracht spiegelt sich immer mehr in den Glasfassaden der Hochhäuser, die das moderne Saigon symbolisieren. Nach diesem Ausflug in die französisch geprägte, koloniale Vergangenheit, bummeln wir für Stunden durch die schmalen Gassen und Passagen des chinesischen Viertels, in dem seit 300 Jahren Handel betrieben wird und wo es nichts gibt, was es nicht gibt. Das normale und exotische Warenangebot ist bunt und vielfältig, das Leben findet weitgehend auf der Strasse statt.

In den vielen bunten Tempeln des chinesischen Viertels brennen praktischerweise lange Räucherspiralen, welche die Götter gnädig stimmen sollen. Wir beobachten Schulkinder, die vor ihren täglichen Prüfungen ebenfalls Räucherstäbchen anzünden, um ihren jeweiligen Gott um Hilfe zu bitten. Da die Vietnamesen, dank Ho Chi Minh, als einziges asiatisches Land unsere Schrift haben, fällt es Barbara leicht, die Englischarbeiten einzelner Schülerinnen zu begutachten. Die Klasse schickt ihr dann die Klassenbeste, die etwas verschämt, aber stolz, ihre fehlerlose Arbeit in gestochener Schrift vorzeigt.

Wir besuchen gegen Abend müde, aber unverdrossen 2 weitere Pagoden, darunter die Pagode des Jadekaisers, die mit ihren unzähligen taoistischen Gottheiten und buddhistischen Gestalten ein würdiger Abschluss dieses schönen, aber heißen Tages in Saigon darstellt.

Am 17. Tag, unserem Abreisetag, lassen wir es ruhiger angehen. Wir bummeln in Richtung Ben-Thanh Markthalle, die seit 1914 ebenfalls zu den Wahrzeichen der Stadt gehört. Die letzten Geschenke werden eingekauft, wir besuchen das Stadtmuseum, das zwar im Umbau ist, aber doch interessante Einblicke in die bewegte, jüngste Geschichte der Stadt liefert. Barbara mit erhobener Faust vor einem riesigen Revolutionsgemälde – das hätte sie sich 1968 auch nicht träumen lassen!

Am Abend führt uns unser Reiseleiter, auf dem Weg zum Flugplatz, noch zu einem großen Platz, wo Jung und Alt unter Anleitung oder individuell Sport treiben oder tanzen – es ist ein würdiger Abschied, von einer angenehmen, freundlichen Bevölkerung, die immer in Bewegung scheint, sich aber auf jeden Fall im Aufbruch befindet und bereit ist, hart für einen besseren Lebensstandard für sich und vor allem ihre Kinder zu arbeiten.

Auf Wiedersehen, Vietnam!

 

Fazit der Reise

Vietnam ist ein sehr interessantes Reiseland – vor allem für Leute, die Natur und Kultur lieben. Die Großstädte sind zwar laut und hektisch, aber man kann sie ja gegen das ruhigere und beschaulichere Leben auf dem Land oder am Meer eintauschen.

Es ist ein sicheres Land, wir hatten nie ein Gefühl der Bedrohung, es ist auch ein sauberes Land, wir hatten keinerlei Magenprobleme, wobei wir die üblichen Vorsichtsmassregeln eingehalten haben – nicht an Straßenständen gegessen und kein Leitungswasser getrunken haben.

Vietnam wird in Zukunft sicher sehr interessant für Meer- und Strandliebhaber sein, ebenso für Golfer, es sind Dutzende von Golfplätzen im Bau.

Es ist auch noch ein Land für jeden Geldbeutel und bietet die gesamte Palette vom Luxusressort bis zur einfachen, preiswerten Pension.

Vietnam bleibt aber vor allem in Erinnerung, wegen seiner freundlichen, zurückhaltenden Menschen – dem Lächeln Südostasiens eben!

 

7.1.2008 Klaus Weidner

Summary
Das Lächeln Südostasien - Vietnam
Article Name
Das Lächeln Südostasien - Vietnam
Description
Dieser Reisebericht beschreibt Vietnam als ein sehr interessantes Reiseland – vor allem für Leute, die Natur und Kultur lieben.
Author

Kommentar verfassen

%d Bloggern gefällt das: